No Credit

Tofana di Rozes – das Projekt

Die Tofana di Rozes (3.225 m) ist das Wahrzeichen Cortinas. Die Südwand ragt nicht weniger als 800 m in die Höhe und bildet zusammen mit der guten Felsqualität eine Kombination die Klettererherzen höherschlagen lässt.

Als ich vor 8 Jahren zusammen mit meinem Bruder Manuel am Castelleto die Erstbegehung „Fein, Herb und Würzig“ realisieren konnte, gingen wir immer am gelben, steilen Wandabbruch der Tofana vorbei und schauten ihn mit großen Augen an. Im Juni 2014, fast genau 8 Jahre später, stand ich zusammen mit meinem Bergführerkollegen Daniel Tavanini am Einstieg mit dem Plan im Rucksack, genau diesen Abbruch frei zu klettern.

 

 

Eröffnung “No Credit”

No CreditDa der Fels nicht sehr kompakt aussah und direkt unter dem Abbruch ein Wanderweg entlang führt, überlegten wir ob unser Vorhaben wohl nicht zu gefährlich sei. Doch ausgerechnet an diesem Tag war kein ausgesprochenes Wanderwetter und ehrlich gesagt erst recht kein Kletterwetter – das wiederum bedeutete auch, dass Weit und Breit kein Mensch zu sehen war. Das Abenteuer konnte beginnen. Daniel kletterte die ersten 35 m ohne zu zögern hoch und sicherte mich nach. In Wechselführung stiegen wir weiter und nach einer guten Stunde hingen wir schon unter dem ersten Dach, teils technisch, teils frei eröffneten wir die erste schwierige Seillänge. Die Freude über diese geschaffte Länge war groß, doch wir wussten auch, dass das erst der Anfang war: 20 Meter über uns ragte ein 2-Meter-Dach. Wir setzten uns zum Ziel, am ersten Tag bis unter das Dach zu klettern und dann Feierabend zu machen. Wir waren mehr als zufrieden in einem Tag bis dorthin gekommen zu sein und beschlossen, einen Tag Pause einzulegen, um dann wieder an die Wand zurückzukehren. Daniel und ich waren sehr gespannt, ob wir auch dieses Dach und damit die vermeintliche Schlüsselstelle der Wand klettern können. Mit Hilfe zweier Cliffs bewegte ich mich zwei Tage später langsam über die Dachkante. Der Gedanke daran, dass ich bei Abrutschen des Cliffs ich fünf Meter in die Platte klatsche, wie ein Vogel an eine Glasscheibe, machte es mir nicht einfacher die Stelle zu überwinden. Die Zusprüche von Daniel taten gut, aber ich wusste ebenso, dass ein Sturz schmerzvoll gewesen wäre. Zudem war ich mir bewusst, dass meine Moral allein nicht reichen würde, um die Stelle noch mals zu versuchen. Als ich endlich einen kleinen Riss sah, der leider zu wenig tief war für einen Haken, nahm ich einen Klemmkeil und versuchte ihn so gut es ging zu positionieren. Doch dieser wollte nicht richtig sitzen. Erst mit Hilfe meines Hammer konnte ich den Klemmkeil sicher positionieren und überglücklich den fünften Standplatz bauen. Die nächste Länge führte Daniel. Er eröffnete sie ohne dafür einen Haken schlagen zu müssen. Laut unserer Schätzung liegt diese Länge im unteren 8. Grad. An zwei weiteren Tagen kamen wir an den Pfeilerkopf wo unsere Tour in die alte Führe „Steinkötter“ mündet. Die Erstbegehung war somit fertig, aber die Herausforderung, die ganze Tour frei zu klettern, hat erst angefangen.

No Credit Route

„No Credit war, ist und bleibt ein Abenteuer.”

Insgesamt 2 Tage putzte ich die Tour und versuchten die Schlüsselstellen zu lösen, gesichert von Andrea Oberbacher und Djego Zanesco. Nach diesen Tagen war mir klar, dass es schwierig werden würde die Tour frei zu klettern aber möglich war. Gemeinsam mit Daniel kehrten wir zum Einstieg zurück und kletterten bis zum großen Dach alles ohne größere Probleme frei. Trotz einsetzendem Regen war es möglich in der steilen Wand zu klettern. Auch die Griffe hatten keinen guten Gripp mehr, doch meine Motivation war groß. An der Schlüsselstelle angekommen, ging es mit sechs dynamischen Zügen über die Dachkante hinauf. Ich wunderte mich bei jedem Zug warum ich nicht stürze und plötzlich hatten meine Hände die ersten guten Griffe. Ohne lange zu zögern stiegen wir weiter bis wir über den Abbruch waren. Dort ist das Gelände teils geneigt. Nur der Regen sorgte an dieser Stelle noch für eine Portion Spannung. Daniel und ich kletterten weiter bis wir endlich am letzten Stand unserer Tour ankamen und uns die Hand gaben!

 

 

Routeninformationen

Route: „No Credit“
Erstbegeher: Daniel Tavernini und Simon Gietl, Juni 2014
Schwierigkeit: 1 SL X- , 2SL IX- , der Rest zwischen VIII- und V
Zustieg: Von der Dibona Hütte in Richtung Lipella Klettersteig, kurz vor diesem Einstieg, markiert ein Haken mit Schlinge den Anfang der Tour (ca. 45min).
Abstieg: Über die Tour Abseilen oder die alte Führe „Steinkötter“ aussteigen und zur Giusani Hütte und weiter zu Dibona Hütte gehen.
Charakter: Steile und anstrengende Wandkletterei längs Platten, Überhänge und Dächer. Der Fels ist meistens gut, einige Stellen sind etwas splittrig. Die drei schwierigsten Seillängen wurden teilweise technisch eingerichtet.
Material: Ein Satz Friends, Keile, Schlingen, alle geschlagenen Haken wurden belassen. Es wurden keine Bohrhaken verwendet.

 

 

Comments are closed.