2014 China

Headbeitrag - ChinaSW

Gemeinsam mit dem Südtiroler Daniel Tavernini und dem Osttiroler Vittorio Messini machte ich mich im Herbst 2014 auf den Weg nach China zu den östlichsten Bergen des Himalayas, in der Provinz Sichuan, östlich von Tibet.

Das Projekt in China

Als ich im Sommer 2013 mit dem DAV Exped Kader in den Dolomiten unterwegs war, erfuhr ich vom Teamleiter über die im Jahr zuvor unternommene Expedition im Minya Konka Massiv (Sichuan, China). Im darauffolgenden Herbst vereinbarte ich ein Treffen mit drei anderen Gleichgesinnten aus Süd-, Nord- und Osttirol und alle waren von den Erzählungen, aus dieser eher unbekannten Gegend mit 5.000 bis 7.000 m hohen Granitriesen, sehr schnell begeistert. Am Tag darauf ging schon die Planerei los. Unzählige E-mails, Telefonate, Zu- und Absagen und ein gutes Jahr später, am 6. Oktober 2014, standen Daniel, Vitto und ich letztendlich startbereit am Münchner Flughafen.

Auf dem Weg in die chinesischen Berge

Der Flug in die chinesische Stadt Chengdu, sowie die Weiterreise ins Landesinnere nach Kiangding, ging reibungslos über die Bühne. Mit Hilfe von 14 Eseln konnte dann auch das Material ins 4.000 Meter hohe Basislager gebracht werden, wo wir Alpinisten, der Koch Zuong und der Offizier Alex, die Zelte für die nächsten fünf Wochen aufschlugen. Bereits beim Aufstieg fiel unsere Aufmerksamkeit auf den unübersehbaren, pyramidenförmigen, knapp 6.000 m hohen „Little Konka“, der über das ganze Tal thront, und schnell war das erste Ziel klar. Doch ebenso schnell wie wir den Plan geschmiedet hatten, überraschte ein Teammitglied über Nacht ein leichtes Lungenödem und er musste bereits nach dem zweiten Tag im Basislager wieder ins Tal absteigen. Nach rascher Genesung sowie 1,5 Ruhetagen konnte die gemeinsame Akklimatisierungsphase fortgesetzt werden.

„Little Konka“, einfach geil!

Nach zwei Tage Bouldern und Materialtransport, starteten wir am 17. Oktober zum „Little Konka“. Auf ca. 4.600 m wurde das Zelt aufgestellt. Am Abend legte sich erneut Nebel übers Tal, doch dieses Mal befanden wir uns darüber und genossen das Abenteuer in vollen Zügen. Die Aufstiegslinie für den nächsten Tag hatten wir nach unzähligen Blicken in die Nordwestseite des Berges alle drei genau im Kopf. Trotzdem erwarteten wir mit Spannung das Bevorstehende. Um 4:00 Uhr starteten wir los. Die ersten 1,5 Stunden ging es mehr oder weniger über Blockgelände rauf bis zum nach Nordwesten verlaufenden Grat. Hier wurde es dann steiler und der Wind auch stärker – Zeit das Seil auszupacken. Ich stieg drei kurze Längen vor bis wir das kleine Plateau vor der Nordwestseite des „Little Konka“ erreichten. Einfacher wäre an dieser Stelle das Spuren über die erste Gletscherfläche gewesen, doch im Hang darüber schien sich sehr viel Triebschnee gesammelt zu haben. Wir entschieden uns folglich für den Aufstieg über den Grat rechts vom beschriebenen Hang. Drei gar nicht so leichte und brüchige Längen führten auf das obere Plateau, wo es dann aber „richtig“ losging. Anfänglich noch über Schigelände hinaufsteigend, wurde der Hang immer steiler bis er eine Neigung von ca. 60° erreichte. Die Sonne war bereits aufgegangen, doch der Wind blies immer noch so stark wie zuvor. Nach einigen Stunden waren wir fast am Ausstiegsgrat angelangt, wo dann aufgrund von Müdigkeit und etwas heikleren Stellen nochmals eingeseilt wurde. Nach der Bewältigung eines letzten steilen überwächteten Grats standen wir um ca. 13:00 Uhr auf unserem ersten chinesischen Gipfel, den 5.928 m hohen „Little Konka“ – einfach geil! Von allen Seiten wurden mehrere Fotos gemacht, bis der Abstieg in Angriff genommen wurde. Über die Aufstiegsroute wurde abgeseilt und am Abend waren wieder zurück bei unseren Zelten. Ob es sich um eine Erstbegehung des „Little Konka“ handelte ist unklar. Wir fanden auf der Route drei Stände, die vermutlich eine koreanische Expedition hinterließ. Der koreanischen Seilschaft gelang die Erstbegehung der Westwand etwas weiter rechts von unserer Route. Die Gruppe seilte sich über die einladendere Nordwestseite ab. Erstbegehung hin oder her, am nächsten Tag stiegen wir ins Basislager ab und es wurde dann erstmal richtig gefeiert.

„Stiffler’s Mum“

Am darauffolgenden Ruhetag tüftelten wir bereits daran wie das eigentliche Ziel, der Pfeiler des „Stiffler’s Mum“, am besten angegangen werden sollte. Für den nachfolgenden Tag stand der Materialtransport an, bei welchem Alex, der 26-jährige Offizier, tatkräftig mithalf. Am 23. Oktober starteten wir Richtung Hochlager, welches wir im Kessel zwischen „Stiffler’s Mum“, „Jazi“ und „Little Konka“ auf einer Höhe von ca. 4.950 m aufschlugen. Das Wetter sollte für einige Tage mitspielen. Wir schufen genügend Essen und Gas für mehrere Tage ins Lager. Über Nacht fielen 20 cm Schnee und der Traum, als Erste den 800 m hohen Granitpfeiler des „Stiffler’s Mum“ zu klettern, schien zu platzen. 2010 hatten bereits Franzosen sich daran versucht. Sie wurden jedoch nach 8 Seillängen wegen unglücklicher Umstände zum Abbruch gezwungen. Wir stiegen rechts von der Route der Franzosen ein, wo uns der Schnee nicht viel anhaben konnte. Nach einem Eisgully folgte eine Schnee- und Eisrampe, die in einer Rechtsschleife auf die Nordwestkante des Pfeilers führte. Die ersten 4 Seillängen wurden fixiert und wir stiegen ins Hochlager ab. Von unserem Zelt aus erblickten wir die Route, welche uns nach den bereits zurückgelegten Seillängen erwarten würde: angenehmere und zeitsparendere Kletterei ohne Schnee und Eis. Wir wollten eine Nacht abwarten um dann am Folgetag über unser weiteres Vorgehen zu entscheiden. Es folgte wie erhofft eine sternenklare Nacht, doch die Temperatur fielen auf ungefähr -15°C und somit war es zu kalt fürs Klettern. Zudem ist der Pfeiler westseitig und die geplante Linie nordwestseitig. Auch wenn der Schnee schmelzen sollte, würde die Sonne nur nachmittags kletterfreundliche Bedingungen schaffen können. Nach langem Überlegen wurde für das „Abpacken“ vom Pfeiler entschieden und das am Vortag verlegte Fixseil entfernt.

„Tiroler Spitze“

Die Wettervorhersagen prognostizierten kaltes Wetter und einen weiteren sonnigen Tag. Wir entschieden uns für eine kombinierte Linie weiter rechts. Die noch unbestiegene Spitze zwischen „Stiffler’s Mum“ und „Melcyr Shan“ wurde zu unserem neuen Ziel. Am selben Tag spurten wir zum Einstieg und hängten die erste Eislänge ein. Die ersten 6 Seillängen der geplanten Linie wurden bereits 2012 vom DAV Exped Kader erstbegangen. Am nächsten Tag hieß es wieder früh aufstehen und erneut spuren, da der Wind die Spur in der Nacht wieder zugeweht hatte. Vitto kletterte die unteren steilen Eislängen, wobei die steilste davon (ca. WI5) ziemlich dünn war und hohl klang. Mit ein paar Cams seitlich im Fels konnte die Seillänge „entschärft“ werden. Bei Sonnenaufgang stieg ich im 50° bis 60° steilen Schnee- und Eisgelände vor. Weiter ging es über die ausgesetzte Scharte zwischen „Melcyr Shan“ und unserem Bergziel. Auf den letzten 40 Metern erwartete uns sonnige und windstille Bedingungen, schöner Granit und die Aussicht auf einen noch unbestiegenen Berg. Viel mehr konnte sich das Geburtstagskind des Tages, Daniel, nicht wünschen. Er stieg die 5er Länge vor. Die letzten 10 Meter kletterte ich im Vorstieg über die ausgesetzte Kante und dann standen wir auf dem nun erstbegangen Gipfel. „Tirol Shan“, also Tiroler Spitze sollte diese äußerst formschöne, ca. 5.860 m hohe Granitnadel genannt werden. Fotos lügen nicht – richtige Freude stand uns ins Gesicht geschrieben. Nach dem Abseilen folgte dann der lange Abstieg bis ins Basislanger. Für den Folgetag wurde stürmisches Wetter vorhergesagt. Zwei Tage darauf wurde das mühsam hinaufgeschleppte Material wieder mühsam hinuntergeschleppt und danach lies es das Team gemütlicher angehen. Vittos Alleingang auf einen ca. 5.200 m hohen Gipfel und meine Eröffnung der Sportklettertour „Mortadella“ (7c) auf 4.200 m sollen nur noch am Rande dieser erfolgreichen Expedition erwähnt werden.

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