Fairplay

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Im Herzen der Dolomiten, nahe Corvara in der Vallon-Sella-Gruppe, entdeckte ich eine „ziemlich steile Wand“, die ich unbedingt „bohrhakenfrei“ klettern wollte. Ein recht ambitioniertes Vorhaben bei über 200 Metern Wandhöhe und einem Schwierigkeitsgrad von bis 10-. Anfang Juli machte ich mich zusammen mit seinen Seilpartner Klaus Gruber an das Projekt „Fairplay“. Knapp zwei Monate später gelang es mir, alle sieben Seillängen seiner Erstbegehung Rotpunkt zu klettern.

Die Erstbegehung

Es war also im späten Sommer 2007 als ich den bauchigen Überhang links der Mittersteiner Route erblickte. Genau das, was ich immer suchte. Gelber, splittriger, stark ausladener und vor allem unberührter Fels im Herzen der bleichen Berge. Doch das Selbstvertrauen ebendiese Linie erstzubegehen war noch zu klein. Eingeschüchtert von der gelben Dolomitkulisse trat ich die Heimfahrt in meinem klapprigen VW Transporter an. Zwei Sommer zogen ins Land. Ich wurde stärker, wurde sicherer und die Idee den nahezu unüberwindbar erscheinenden Überhang zu knacken, wurde zum fixen Entschluss.
Fairplay003Mai 2010. Endlich. Voll bepackt mit Friends und Haken stand ich unter dem von Dächern übersäten Wandteil. Mein Seilpartner Klaus Gruber schenkt mir vollstes Vertrauen, feuert mich an und nimmt mich in die Sicherung. Sein typischer Spruch durfte auch an jenem Tag nicht fehlen „Etwas wird schon fliegen, Lass es tuschn (krachen)!“. Bereits am Einstieg ging es ordentlich zur Sache. Der Bewegungsablauf fühlte sich eher wie bei einer Bouldersession an und weniger nach den ersten Metern einer alpinen Erstbegehung. Es war ein komisches Gefühl, voller Haken und Schlingen seine Maximalkraft zu strapazieren. Heimlich funkte mir mein Inneres: „So schwierig hättest du dir es nicht vorgestellt?!“. Nach gut 15 konnte ich den ersten Haken schlagen. Bis dort hätten im schlimmsten Fall einige modrige Sanduhren und ein fixer Klemmkeil einen Sturz gedämpft. Die darauffolgenden Meter sollten sich als Schlüsselstelle erweisen. Eine sehr Kraft raubende Sequenz nach links versetzte körperliche wie mentale Kraftreserven auf Alarmstufe Rot. Mein liebgewonnener Cliff wurde mein Tanzpartner bei diesem delikaten Tanz auf Eiern. Wichtig dabei war die Schrittfolge dieses alpinen Tänzchens. Dem Tanzpartner vertrauen, ihn nicht überfordern und immer richtig belasten. Wie ein alpiner Walzer mit einem kleinen Cliff. Nach gut 40 Metern konnte ich den ersten Stand einrichten. Langersehnt und ebenso exponiert. Klaus konnte es kaum erwarten, die Seillänge nachzusteigen. Mein Verdacht bestätigte sich. Die Route wurde schwierig, sehr schwierig. Und ebenso erwiesen sich die Sicherungsmöglichkeiten heikler als erwartet. Klaus gratulierte mir zur ersten Seillänge. Er fügt seinen überschwänglichen Glückwünschen allerdings hinzu, dass er es kaum für möglich hielt, mittels bohrhakenloser Absicherung dieser Seillänge den roten Punkt zu verpassen. Die zweite Seillänge war trotz kaum nachlassender Ausgesetztheit um einiges leichter. Doch immerhin erforderte auch diese den 9. Grad. Nach insgesamt fünf Tagen konnte ich meine Erstbegehung verwirklichen. 250 steile Meter, bei welchen man sich in den ersten Seillängen fühlte als hangle man sich entlang eines riesigen Elefantenbauches, waren das Ergebnis dieser mühevollen Schinderei. Die Route war eingerichtet. Kein einziger Haken wurde gebohrt.

 

Die Rotpunktbegehung

Nach einer längeren Regenperiode war der Fels wieder trocken und mein Seilpartner motiviert – die richtigen Zutaten um der Route den finalen Schliff zu geben. Die Rotpunktbegehung gelang mir schließlich nach zähem Ringen und kompromisslosen Durchziehen entlang einer fragwürdigen Sicherungskette. Ich ging als Sieger vom Platz. Als Sieger einer fairen Begegnung mit dem Berg. Fairplay war geboren.

 

 

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