Das Erbe Der Väter

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Das Erbe der Väter

Es war ein schöner aber kalter Herbsttag als Vito und ich am Parkplatz vor der Auronzo Hütte unsere Rucksäcke mit Klettermaterial vollstopften. Nicht nur der verstummte Touristenansturm, sondern auch die herbstliche Stimmung waren Anzeichen dafür, dass sich die Klettersaison an den Drei Zinnen dem Ende zu neigte.
Im Jahre 2003 hatte ich das erste Mal mit der Nordwand der großen Zinne Kontakt. Werner Bergmann hatte mich damals zur Comici Führe mitgenommen.
Ich kann mich noch gut an diesen für mich so besonderen Tag erinnern.
Sprachlos war ich bereits am Paternsattel, wo man zum ersten Mal die Nordwände erblickt. Der anschließende Zustieg, der direkt unter die teils überhängende Nordwand der Großen Zinnen führt, weckte in mir den Gedanken, ob es überhaupt eine gute Idee war, in die Route einzusteigen. Werners Erfahrung und seine ruhige Art halfen mir, an das Wesentliche zu denken. Trotzdem zog es meinen Blick immer wieder nach oben in die atemberaubende Wand. Als die Karabiner ihren Platz am Gurt gefunden hatten, gab es nur noch einen Gedanken: „Was wird uns da oben erwarten?“

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Fast genau 12 Jahre später standen Vito und ich wieder am gleichen Ort, schauten mit großen Augen nach oben und dachten uns: „Was wird uns da oben erwarten?“ Dieses Mal war jedoch nicht die „Comici“ unser Ziel. Unsere Absicht war es, die eigenen Spuren in der Nordwand zu hinterlassen. Eine eigene neue Linie durch die Nordwand der großen Zinne, rechts der klassischen Nordwandführe, sollte es werden. Wir hatten eine klare Vorstellung unserer neuen Linie, die bis dato nur in unseren Köpfen existierte. Comici und die Gebrüder Dimai hatten es uns 1933 vorgemacht, als sie die erste Linie durch die Wand eröffneten. Auch unsere Tour sollte eine natürliche Linie werden, die den natürlichen Gegebenheiten folgen und ohne Bohrhaken auskommen sollte.
Angelangt am Ende vom Vorbau, wo die „Comici“ nach links zieht, begann die Reise ins felsige Neuland. Eine gelbe Verschneidung gab uns den Weg vor. In den Nordwänden zu klettern ist jedes Mal etwas Außergewöhnliches. An jenem Tag im Herbst 2015 fühlt es sich jedoch noch spezieller an. In einer der bekanntesten Wandfluchten der Dolomiten seine eigene neue Route zu kreieren, erfüllt Einen mit großer Freude und Zufriedenheit. Mit ebenso großer Genugtuung kletterten wir Meter für Meter höher bis wir nach 35 Metern den ersten Standplatz einrichteten. Die nächsten 12 Meter waren nicht schwierig und so kamen wir schnell weiter bis uns eine kompakte Platte stoppte.
Ein Absatz bot zwar eine gute Ruhemöglichkeit, doch die folgenden glatten Meter boten augenscheinlich keine weiteren Sicherungsmöglichkeiten. Das Vorwärtskommen in dieser mit Griffen recht spärlich versehenen Wandstelle gestaltete sich als kompliziert und gefährlich. Ein schlecht sitzender Haken hätte einen Sturz auf das Band kaum bremsen beziehungsweise abfangen können. Nach einigen beherzten Zügen bot eine gut ausgebildete Leiste, die Möglichkeit den Cliff zu setzen und von dort aus einen Haken zu schlagen. Das immer heller werdende „Singen“ des Hakens beim Reinschlagen, versprach Gutes – sogar sehr Gutes. Der Haken saß gut und vermittelte uns das lang erhoffte Gefühl, endlich eine sicher sitzende Sicherung untergebracht zu haben. Die verbleibenden Meter zum Einrichten des Standplatzes gestalteten sich verhältnismäßig angenehm.
Die darauffolgende Seillänge, die von zwei großen Schuppen dominiert wird, gestaltete sich mehr delikat als schwierig. Ein Absatz nach den zwei dröhnenden Schuppen bot die Möglichkeit einen Stand einzurichten. Direkt darüber ziert ein Überhang die Wand. Zunächst noch senkrecht und plattig wird dieser zum Ende hin immer abdrängender, bis schlussendlich noch ein bauchiger Überhang zu überwinden ist. Diese Seillänge sollte klettertechnisch die schwerste Stelle der Route werden.
Nach dieser schwierigen und ebenso langen Seillänge kommt man auf ein ausgeprägtes Band. Von dort aus sind es noch zwei steile Seillängen im Kraft raubenden Gelände, bis die Route schließlich das große Verschneidungssystem des rechten Nordwandteiles erreicht. Ein nach links ziehender Riss bot uns die Möglichkeit aus der Verschneidung zu klettern. Kurz darauf baumelten wir am ausgesetztesten Standplatz der Route. Zwei anspruchsvolle Wandstellen trennten uns noch vom vermeintlich leichten Teil der Erstbegehung. Doch wir sollten uns täuschen. Der letzte Teil gestaltete sich schwieriger und abweisender als gedacht. Sicherungstechnisch und klettertechnisch gehört dieser Teil der Route, zu jenen, die man auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen sollte. Aber auch diesen Abschnitte konnten wir traditionell absichern und ohne Verwendung von Bohrhaken meistern.
Die letzten drei Seillängen zum Ringband gestalteten sich relativ einfach und demensprechend kamen wir dort zügig voran. Dennoch galten unserer Respekt, Ehrfurcht und Bewunderung den Erstbegehern der klassischen traditionell eingerichteten Führen an den steilen gelben Wänden der Drei Zinnen. Vor über achtzig Jahren gelang es ihnen mit verhältnismäßig schlechter Bekleidung und Schuhen und noch schlechteren Klettermaterial eine solch abdrängende Wand wie jene der Großen Zinne zu bezwingen. Nur kurz mussten wir uns über den Namen unserer Erstbegehung Gedanken machen. Wir wollten mit unserer Route und unserem Stil der Routenerschließung den großen Kletterern der frühen Zinnenerschließung zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tribut zollen. „Das Erbe der Väter“ war geboren…

Routeninformationen

Route: „Das Erbe Der Väter“
Erstbegeher: Simon Gietl und Vittorio Messini
Erstbegehung: Herbst 2015 (4 Tage) und Frühjahr 2016 (4 Tage)
Erste Rotpunktbegehung: Simon Gietl mit Andrea Oberbacher am 27.07.2016
Schwierigkeit: Eine Seilänge 9- der Rest zwischen 7 und 8
Charakter: anspruchsvolle Wandkletterei auf etwas splittrigem Fels
Material: Satz Friends, alle geschlagenen Stände und Zwischenhaken wurden belassen

Das Topo zum Download gibt’s hier

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