2015 Peru

Titelbild A Peru 2015

Am 13. Juni ging es zusammen mit Roger Schäli, Friedrich Maderer und Frank Kretschmann nach Peru. Unser Ziel war es am La esfinge (5325 m) die Route „Cruz del sur“ von Bubu Bole und Silvo Karo, die sie im Jahre 2000 eröffnet haben zu wiederholen.

Unser Basislager vor dem La esfingeAuf ins Basislager

Da wir unser Basislager auf 4400 Metern planten, entschieden wir uns zum langsamen Eingewöhnen an die Höhe, das einzigartige Sportklettergebiet „Hatun machay“ für einige Tage zu besuchen. Vier Klettertage ohne Pause hinterließen schließlich ihre Spuren an unserer Fingerhaut. Nach einem Ruhetag in Huaraz, wo wir uns gerne die Zeit nahmen Leckereien für die nächsten drei Wochen zu kaufen, ging es dann mit einem Kleinbus in das imposante Tal „Val paron“, das wir nach durchgerüttelten 5 Stunden erreichten. Mit Hilfe von acht Trägern transportierten wir unser Material Richtung La esfinge. An einer kleinen aber feinen Plattform schlugen wir schließlich unser Lager auf. Nicht nur das fließende Wasser in der Nähe unserer Zelte, sondern auch die grandiose Aussicht, machten diesen Platz zum perfekten Basislager. Von dort aus eröffnete sich uns der Blick auf den großen Hinkelstein La esfinge aus roten Granit, der sich aus dem Nichts über 800 Meter in die Höhe erhebt.

Risskletterei, schön ansträngendWarm machen am Fels

Bevor wir jedoch unser Projekt „Cruz del sur“ angingen, wollten wir zunächst die klassische Route, welche bereits 1985 von Spaniern erstbegangen wurde, wiederholen um uns ein Bild von der Wand und dem Felsen zu machen. Nach einer sternenklaren Nacht konnten wir es alle kaum mehr erwarten Hand anzulegen. Nach einer knappen Stunde standen wir unter dem Granitklotz und schauten mit großen Augen Richtung Gipfel. Die Tour folgt einer logischen Linie, die mit Rissen und Verschneidungen bestückt ist. Jeder Meter lies unsere Kletterherzen höher schlagen. Kurz vor 16:00 Uhr hatten wir die 18 Seillängen hinter uns und saßen am Ausstieg in der warmen Sonne – „Berg heil“ 🙂
Der Abstieg folgte über den leicht begehbaren Südgrat bis in eine Scharte, von welcher aus wir zu drei eingerichteten Abseilstellen gelangten. Nach ungefähr 2 Stunden kehrten wir wieder zu unseren Zelten zurück, wo unser fleißiger Koch Simon uns bereits mit einer warmen Suppe erwartete. Nach dieser tollen Tour waren wir natürlich „heiß“ auf noch mehr Granit! Einen Tag ausschlafen und etwas ausruhen, dann sollte das Abenteuer „Cruz del sur“ beginnen.

„Cruz del sur“ – ein Traum

Dieses Mal ging es mit mehr gemischten Gefühlen Richtung Einstieg. Ich wusste nicht was mich auf dem Weg zum nächsten Ziel erwarten würde, da ich bereits viele unterschiedliche Informationen über die Tour „Cruz del sur“, ihre Bewertung und ihre Absicherung erzählt bekommen hatte. Roger war die Tour bereits fast genau vor 3 Jahren geklettert und so war es mein großes Ziel, die Tour bis zum Gipfel zu führen. Natürlich träumte ich von einer Onsight-Begehung. Da die ersten Längen zu den schwierigsten zählen und in der Früh der Fels noch sehr kalt war, stiegen wir erst ein als die Sonne den Fels berührte. Ehrlich gesagt war ich dabei etwas aufgeregt. Mir war klar, dass mein Traum von der Onsight-Begehung schneller vorbei sein könnte als er entstanden war. Als ich den ersten Stand erreichte war plötzlich auch die Nervosität verschwunden.
Die zweite Seillänge startet gleich mit kleinen Griffen und Tritten, bei welchen man einfach darauf hofft nicht abzurutschen. 15 Minuten später stand ich am Ende dieser Länge. Jeder gekletterte Meter motivierte mich mehr und mehr meinen Traum nicht nur zu träumen, sondern auch zu leben!
Jetzt ging‘s in die so genannte Schlüssellänge, die nach oben hin immer steiler wird. Immer wieder schaute ich empor zu den nächsten Klettermetern, welche es noch zu bewältigen galt, und sehnte gespannt die „Cruz“ herbei. Je näher ich am Stand war, desto näher rückte auch der Gedanke an die bevorstehende Schlüsselstelle und einen eventuellen Sturz heran. Augenblicke später hängte ich mich am Stand ein – ich strahlte mit der Sonne um die Wette. Vermutlich hatte ich das große Glück, die Griffe in der richtigen Abfolge im richtigen Moment zu erwischen. Nach einer weiteren Seillänge, taten wir es den warmen Sonnenstrahlen gleich, verabschiedeten uns langsam und seilten uns ab. Nun war klar, dass ich bei guten Wetterbedingungen das begonnene Projekt am kommenden Tag zu Ende klettern würde.
Am nächsten Morgen standen wir zwei Stunden früher beim Einstieg und über unsere vom Vortag belassenen Kletterseile erreichten wir schnell den Punkt, an welchem wir am Vortag „Feierabend machten“. Von dort an legt sich die Felswand allmählich zurück und so kamen wir schneller voran. Roger bot mir an, die Führung an ihn abzugeben, aber ich wollte die Onsight-Begehung so kurz unter dem Gipfel nicht aufgeben und lehnte das Angebot dankend ab. Am 28. Juni kurz vor 15:00 Uhr erreichten wir das kleine Steinmännchen, welches das Ende der Tour kennzeichnet.
„Bravo guit geklettort“, beglückwünschte mich Roger. Langsam wurde mir klar, dass ich es geschafft hatte meinen Traum, die „Cruz del sur“ onsight zu klettern, zu verwirklichen.

Die neue Route

 

Neue Linie – neues Glück

Gemütlich traten wir den Abstieg an. Zurück am Fuß der Wand waren, fiel uns am rechten Teil des „La esfinge“ eine Linie, welche sich zwischen zwei markanten Verschneidungen gerade hoch zieht, auf. Von unseren Standpunkt aus sah ich einen feinen Haarriss, der vielleicht mit viel Glück kletterbar sein würde. Kurz und einfach meinte ich zu Roger: „Do missmo augn“ 🙂
Erstmals gab es nach dem schönen Klettertag in der „Cruz del sur“ einen Tag Pause oder besser gesagt einen „Kletter-Pause-Tag“. Da unser Proviant langsam zu Ende ging, stiegen wir zur Straße ab wo uns ein Taxi Verpflegung für die restliche Zeit vorbeibrachte.
Auch dieser Tag ging schneller zu Ende, als uns lieb war, und so saßen wir alle wieder in unserem Essenszelt und wurden von unserem Koch mit Forelle und Kartoffeln verwöhnt – und dass auf 4400 Metern!
Nachdem unser Hunger gestillt war, erforschten wir in unserem Kletterführer die bereits begangenen Linien im rechten Teil des „La esfinge“. Kaum zu glauben – genau der anvisierte feine Riss war noch frei. Jetzt war auch schnell klar, wie sich unser Programm für die nächsten Tage gestalten würde. Bloß der Gedanke daran, am „La esfinge“ unsere Spuren hinterlassen zu können, war für sich alleine schon großartig.
Als am Morgen die Sonne unsere Zelte streifte und die Temperaturen langsam ansteigen, kam Bewegung in unser Lager. Der aus der Weite vernehmbare Kaffeeduft lockte uns noch vor der Materialvorbereitung zum Frühstück. Wie immer hatte Simon, unser Koch, Tee, Kaffee, Brot, Marmelade, Dulce di lece, Käse und vieles mehr auf der bunten Decke für uns am Boden vorbereitet. Kaum ein Morgen verging ohne gemütlichem Zusammensitzen über mindestens eine Stunde bei Kaffee und Brot.
Mit vollem Bauch ging es dann an die Arbeit. Auf dem Weg zum Einstieg in die Wand, besprachen wir die Möglichkeiten den steilen, noch unberührten Fels zu erklettern. Nach einigen Anläufen den richtigen Weg zur Wand zu finden sowie mehreren Lachsalven erreichten wir schließlich den Einstieg.

…und auf los ging’s los

Roger klettere die ersten 40 Meter hoch bis er den ersten Standplatz einrichtete. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, der mit Klettermaterial und Proviant gefüllt war, stieg ich zu ihm hoch.
Eine offensichtliche Verschneidung gab uns den weiteren Weg vor. Nach circa 15 Metern seilte Roger ab und übergab mir die Führung. Teils technisch, teils frei kletterte ich die vom Roger anfänglich bereits erkletterte Verschneidung, die weiter oben zu einen feinen Riss wird, höher bis ein kleiner Absatz kam, der sich als Ende dieser Länge anbot.
Da es unser Ziel war eine „Frei-Klettertour“ zu hinterlassen, versuchte Roger sofort im Nachstieg alle Kletterzüge zu machen, was ihm schlussendlich auch mit etwas Mühe gelang. Als er zu mir aufgeschlossen hatte, schauten wir beide nach oben und erkannten, dass sich der Riss verläuft und sich erst wieder 30 Meter weiter oben bildet. Wir fixierten unser Statik-Seil, welches bis zum Boden reichte, und begannen abzuseilen um am Tag darauf unser Glück in der Platte zu versuchen.

Der zweite Tag

Am Tag darauf kletterte Roger die zweite Länge „Rotpunkt“. So hingen wir wieder unter der abdrängenden Platte. Bereits am Vortag war uns klar, dass diese Seillänge für uns ohne Bohrhaken nicht machbar sei. Wir wollten jedoch das Minimum an Bohrhaken verwenden. Es war für mich eine neue Herausforderung in einer solchen geschlossenen Mauer aus Granit der Erste zu sein, der sie klettern durfte, und so wollte ich die Führung nicht abgeben.
Nach drei Metern legte ich einen bombenfesten Friend, der mir die Sicherheit gab, bei einem möglichen Sturz nicht gänzlich in den Stand zu fallen. Leicht linkshaltend ging‘s vorsichtig weiter bis zu einer kleinen ausgeprägten seichten Mulde, wo ich mehr schlecht als recht eine Absicherung anbrachte. Mit mulmigem Gefühl versuchte ich den einfachsten Weg nach oben zu finden. Roger’s Zuspruch, er sichere mich gut, war ein kleiner Trost in diesem Moment. Ich suchte den Fels rechts und links von mir genau auf eine Stelle zum Haken schlagen ab. Eine feine Grasspur lies mich noch weiterhin hoffen, eine geeigneten Platz gefunden zu haben. Nach zwei bis drei Hammerschlägen auf den Kopf vom schwarzen Messerhaken, der nur ein stumpfes Geräusch von sich gab, starb dann die Hoffnung jedoch sehr schnell. Auch Roger verstand, dass sich der Haken nicht schlagen lies. Ich war bereits 10 Meter über den letzten guten Friend und deshalb war uns beiden klar, dass der Moment gekommen war an dem ein Bohrhaken gesetzt werden musste. Roger amüsierte sich prächtig an seinem sicheren Stand: „Der Dolomit-Ethiker muss jetzt auch einen Bohrhaken setzen“. Etwas gestresst antwortete ich: „Roger, wenn du es mal versuchen willst, kein Problem?!“ Roger verneinte jedoch.
Über eine Reep Schnur zog ich langsam die kleine Bohrmaschine zu mir hoch und versuchte dabei meinen Körperschwerpunkt nicht zu verlagern um ein Abrutschen des „Cliff“ vom Felsen und somit einen Sturz kopfüber zu vermeiden. Als ich dann endlich die Bohrmaschine ergriff, setzte ich mit voll ausgestrecktem Arm die Spitze des Bohrers an und errichtete den ersten Zwischenspit der angefangenen Erstbegehung. Erleichtert hängte ich das Seil ein und wischte mir den Staub aus dem Gesicht.

Titelbild B Peru 2015

Mein kleiner Freund „Cliff“

Die bevorstehenden Meter schienen im ersten Moment nicht kletterbar zu sein. Nur bei genauem Hinschauen konnte ich feine Strukturen erkennen, die es vielleicht ermöglichen würden die abweisende rötliche Granitplatte zu klettern. Immer wieder startete ich einen Versuch, vom Bohrhaken wegzukommen – einige Male erfolglos. Ziel war es, nur noch einen weiteren Bohrhaken in dieser Länge zu setzen. War es bereits erforderlich Zwischenhakenbohren zu müssen, dann sollten diese wenigstens so weit wie möglich auseinander sein. Ausgeruht startete ich am letzten Fixpunkt einen weiteren Versuch Richtung des ersehenten Risses. Dank meinem kleinen Freund „Cliff“, der bei jeder Erstbegehung an meinen Gurt hängt, konnte ich mich nach einigen schwierigen Zügen etwas erholen. Mit jedem weiteren Zug wurde nicht nur der Abstand zum sicheren Haken, sondern auch der Respekt in die Platte zu klatschen – wie ein Regentropfen an eine Fensterscheibe – größer. Immer wieder sagte ich in Gedanken zu mir selbst: „Noch ein Stück geht“. Schließlich kam der Moment, an dem ich mir wünschte nicht dort zu hängen wo ich soeben war. Mit Hilfe eines „Peckers“, der nur mit seiner Nasenspitze in einem Haarriss steckte, versuchte ich den Bohrer zu mir hoch zu ziehen. Mit einem 15 Meter Sturz im Nacken bohrte ich das zweite Loch. Mit viel Adrenalin im Blut ging die Reise weiter nach oben. Kurz bevor die Kletterei einfacher wurde, schien mir jedoch nichts anderes, als ein Sprung in die letzte Sicherung, übrig zu bleiben. Da diese Option jedoch nicht sehr einladend war, versuchte ich mit letzter Kraft den „Cliff“ an einer kleinen Leiste zu platzieren. „Buuuuuu…das war knapp“, dachte ich noch und in diesen Moment ging‘s sehr schnell und ohne Vorwarnung weiter – aber leider in die falsche Richtung!
Die Leiste brach aus und somit verlor der „Cliff“ den Halt. Ich stürzte unkontrolliert in die letzte Sicherung. Beim zweiten Versuch ging es besser. Ich erreichte mit der linken Hand eine kleine aber positive Leiste, die ich mit voller Kraft zudrückte, und hoffte dabei, dass diese Leiste nicht auch wegbrechen würde. Ich setzte den rechten Fuß zur rechten Hand und zog mich dynamisch gerade hoch bis meine Finger den Anfang eines Risses berührten.
Zwei gute Friends brachten meinen Puls wieder runter. Fünf Minuten später rief ich: „Stond Roger, konnsch kem!!!“. Auch Roger konnte die Seillänge nicht gleich auf Anhieb durchsteigen, aber uns war klar, dass es mit etwas Bouldertraining möglich wäre.

ChappieDie letzten Seillängen

Nun war Roger an der Reihe, am scharfen Ende des Seil zu sein und kletterte den Riss, der sich wie ein „S“ über die Wand rauf zieht, entlang bis er nach 25 Metern einen Stand baute. Eine Seillänge führte uns durch die Route „edition“. Diese Routenwahl erschien uns für den weiteren Weg logisch. Nach dieser Seillänge wollten wir unsere Linie wieder nach rechts ziehen.
Roger riss sich die Seillänge, die mit einer „mega großen bizarren Schuppe“ bestückt ist, gleich unter den Nagel und kletterte diese souverän vor. Am Stand angekommen zeigten uns zwei alte Bohrhaken und ein Klemmkeil den weiteren Weg der alten Tour, die nach links zieht. Ein feiner Riss, aus welchem teilweise etwas Gras herausragte, zeigte die Möglichkeit für den weiteren Routenverlauf auf. Roger war am Anfang nicht glücklich darüber, dass ich dort ein Weiterkommen vermutete. Nach einer kurzen Diskussion konnte er sich jedoch auch damit abfinden, dass ich die Kletterei über den beschriebenen Riss versuchen wollte. Er hatte es fast für unmöglich angesehen die nächsten 20 Meter „frei“ zu klettern. Ich zog einige Meter technische Kletterei am Riss, einer aalglatten Wand mit noch mehr zu setzenden Bohrhaken vor! Als ich schlussendlich die Länge erstbegangen hatte, wusste ich, dass es sicher möglich war auch diese freizuklettern. Der Granit am La esfinge ist relativ strukturreich und so finden sich immer wieder kleine positive Leisten, die fürs Klettern wie geschaffen sind.
Im weiteren Verlauf neigt sich die Wand zurück und gleichzeitig hatten wir die Wandmitte erreicht. Weitere sieben wundervolle Seillängen folgten bis wir schließlich im Gehgelände standen und gleichzeitig am laufendem Seil 100 Meter hoch bis zum Gipfel kletterten. Das Glück zu haben, drei Mal auf dem einzigartigen Granitzahn zu stehen, erschien uns unfassbar. Und nun durften wir uns auch noch über die Besteigung über eine neue Linie freuen.
Wir gratulierten uns mit einer festen Umarmung und genossen mit vollen Zügen das Brot mit Avocado und Tunfisch, welches Simon für uns zubereitet hatte. 🙂



Fakt: jede Seillänge wurde mindestens von einem der beiden Erstbegeher (Roger oder mir) Rotpunkt geklettert, die Schlüssellänge kletterten wir beide.

Routeninformationen

Route: „Chappie“

Erstbegeher: Roger Schäli und Simon Gietl – Juli 2015

Charakter: schöne anstrengende Kletterei

Wandhöhe:  600 Meter Süd-Ost Ausrichtung

Schwierigkeit: 7b+

Absicherung: jeder Stand ist mit 2 8mm Spit ausgestattet, 9 Haken, 4 Spit und 3 Keile wurden als Zwischensicherungen belassen

Abstieg: Normalweg oder über die Tour abseilen

Das Topo zum Download gibt’s hier

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