Orca

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Orca

Es war vor genau zehn Jahren. Herbst 2009. Meine erste Expedition nach Patagonien war bereits geplant und die Projekte mit meinem Seilpartner Roger Schäli besprochen. Die letzten Wochen vor dem Abflug suchte ich immer noch nach einer geeigneten Trainingsmöglichkeit – eine Möglichkeit mich im Rissklettern zu versuchen und dementsprechend auch zu verbessern. An der Durrer Spitze im Antholzer Tal wurde ich fündig. Den vorgelagerten Gipfel nennt man den kleinen Hochgall. Nicht allzu hoch, doch umso steiler und abweisender schienen die ersten zwei bis drei Seillängen zu werden. Als Seilpartner konnte ich meinen Bruder Manuel gewinnen. Er, damals noch von einem schweren Kletterunfall gezeichnet und von chronischen Schmerzen geplagt, wollte mich bei einer „Trainingstour“ begleiten und unterstützen. Wir konnten uns noch nicht vorstellen, dass uns diese „Trainingsroute“ über einen Zeitraum von zehn Jahren beschäftigen sollte. Unser Plan war es, am großen Felsendom links der markanten Verschneidung eine Erstbegehung zu klettern, die möglichst einer Rissspur folgen sollte. Am Einstieg war mir sofort bewusst, dass die „Trainingsroute“, doch eine ernste Angelegenheit werden könnte. Die ersten 20 bis 25 Meter klettert man unschwierig bis zu einem ausgeprägten Felsenband. Dort konnte ich problemlos einen guten Standplatz einrichten. Manuel kletterte rasch nach. Schaute man nun den möglichen weiteren Verlauf der Erstbegehung an, musste man den Kopf sehr weit nach hinten legen. Der weiße, von einigen auffallend dunklen Wasserstreifen durchzogene Wandteil, war noch steiler, als wir vom Zustiegsweg aus erahnen konnten. Nichtsdestotrotz stieg ich vollgepackt mit mobilen Sicherungen, Hammer und Haken in den steilen Riss ein.

In technischer Kletterei war der Riss zunächst gut machbar. Nach ungefähr 15 Meter konnte ich sogar einen guten Haken versenken. Es schien alles wie geplant zu laufen. Nach weiteren 15 überhängenden Metern bastelte ich unter einem kleinen Dach einen scheinbar guten und verlässigen Standplatz. Manuel bereitete sich zur selben Zeit vor und stieg als Seilzweiter in den überhängenden Riss ein. Dann bemerkte ich, dass zwei große scharfkantige Blöcke durch die Reibung des Seiles dumpfe Geräusche von sich gaben. Sofort rief ich Manuel zu, er solle sich an einem der Friends fixieren. Die zwei Blöcke drohten nicht nur aus der Wand zu fallen, sondern unter Umständen auch das Seil zu kappen. Ich bereitete so schnell wie möglich den Rückzug vor. Erst seilte ich Manuel aus der Wand zum Wandfuß ab und dann mich selbst am Doppelstrang. Nun hatten wir wieder den sicheren Boden erreicht. Die zwei losen Blöcke hatten unseren Willen und unsere Motivation gebrochen. Das Projekt Erstbegehung am kleinen Hochgall wurde auf diese Weise zunächst auf Eis gelegt. Wir deponierten zwar unsere Seile in einer kleinen Grotte und verabredeten, die Route nach der Expedition nochmals zu versuchen. Aus dem Vorhaben wurde zunächst jedoch nichts.

Manuel verschrieb sich zunächst wieder dem Sportklettern und sah sich mental nicht mehr in der Lage, sich derartigen Situationen auszusetzen. Einige Jahre vergingen und das Projekt kleiner Hochgall schien beinahe in Vergessenheit zu raten. Es verstrichen fast zehn Jahre, bis sich der kleine Hochgall wieder in unsere Köpfe schlich. Nicht zuletzt, weil Manuel bereits seit vier Jahren im Antholzer Tal wohnte und dort einige alpine Mehrseillängen Routen einrichten konnte. Es war so unausweichlich, dass uns die 2009 begonnene Route an der Durrer Spitze beschäftigte. In dem langen Zeitraum von zehn Jahren war mittlerweile viel geschehen. Manuel und ich hatten Familien gegründet, geheiratet und waren persönlich gereift. Auch unsere Beziehung als Brüder war um etliche positive wie negative Erfahrungen reicher geworden.
So standen wir Ende August 2019 wieder am Einstieg. Zehn Jahre nach dem ersten Versuch. Bereits vom Boden aus konnten wir die zwei Blöcke erkennen, die uns damals zum Rückzug gezwungen hatten. Die Kombination aus Motivation, Konzentration und Fokussierung, die Route nun eventuell zu Ende klettern zu können, schien genau richtig zu sein. Nicht überheblich, aber selbstbewusst stiegen wir in die Route ein.

Die zwei Blöcke am Stand waren dieses Mal kein großes Hindernis mehr. Nach mehreren Versuchen dieselben aus der Wand zu befördern, sah ich ein, dass sich die zwei Blöcke so verkeilt hatten, dass man beinahe problemlos darüber hinweg klettern konnte. Einer erfolgreichen Vollendung des Projektes stand somit fast nichts mehr im Wege. Ein steiler Riss in der dritten und eine technisch anspruchsvolle Stelle in der sechsten Seillängen stellten Manuel und mich noch vor kniffligen aber lösbaren Aufgaben. Den Rest der Route kletterten wir logisch entlang von Rissen und einigen kleineren Überhängen. Weite Strecken kletterten wir clean und sicherten gezielt mit Friends und Keilen. Die Felsbeschaffenheit und die Art der Kletterei ließen dasselbe sehr gut zu. Feine kompakte Risse und Verschneidungssysteme kennzeichnen die Route. Trotz mehrmaligen einsetzenden leichten Regens entschlossen wir uns, die Route noch am selben Tag bis zum Gipfel fertig zu klettern. Der Handschlag am Gipfel war mehr als ein übliches „Berg Heil“. Es war wie ein Fluchtpunkt zweier Linien. Das Projekt war zwar beendet, aber für uns war es wie ein Beginn eines neuen Abschnittes unserer Beziehung. Nach vielen Jahren, in denen uns unsere unterschiedlichen Lebensentwürfe oft auch weit voneinander entfernt hatten, waren wir uns am Gipfel emotional wieder so nahe wie vor vielen Jahren, als mein Bruder mein bester Freund war. Eben wie zwei Lebenslinien, die sich nach langer Zeit am gemeinsamen Fluchtpunkt trafen. Ich war froh die Route vollendet zu haben und glücklich sie mit meinem Bruder, meinem besten Freund geklettert zu haben. So sagte Manuel passend zu mir am Gipfel: „Die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben.“

Die Absicherung ist traditionell. Insbesondere in der zweiten und dritten Seillänge sollte man mit dem Legen von mobilen Sicherungen sehr vertraut sein.
Bei der Kletterei handelt es sich um anstrengende aber sehr lohnende steile Riss- und Verschneidungskletterei. Der Fels ist Granit ähnlich und über sehr weite Strecken sehr gut bis ausgezeichnet. Abschnittsweise gibt es einige kurze heiklere Stellen.

Routeninformationen

Route: „Orca“
Erstbegeher: Simon Gietl und Manuel Gietl
Erstbegehung: August 2019
Erste Rotpunktbegehung: Simon Gietl und Manuel Gietl
Schwierigkeit:
Länge:

Das Topo zum downloaden gibt’s hier

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