Oblivion

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OBLIVION am Piz d’Ander

Am 19.07.2014 kam ich zum ersten Mal in das schöne Edelweißtal oberhalb von Kolfuschg (Südtirol). Zusammen mit Vitto Messini ging es Richtung La Dorada zu einer Erstbegehung, die wir ins Auge gefasst hatten. Als wir die Forstraße gemütlich hoch spazierten, konnten wir unser Ziel immer wieder gut erblicken. Weiter rechts davon ragte noch eine gelbe, für uns damals unbekannte Wand, in den Himmel hoch. Unsere Gedanken verabschiedeten sich jedoch gleich wieder von der „Neuentdeckung“ und kreisten wieder um unser eigentliches Projekt. Am zweiten Tag erreichten wir denn Gipfel und konnten eine schöne Erstbegehung – die Route nannten wir „Neolit“ – feiern.
Zu jenem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, wie sehr mich das Edelweißtal noch weiterhin in den Bann ziehen würde. Es folgten noch zwei weitere Erstbegehungen: “Spaßbremse“ sowie „Hart aber fair“ links am Sass Campac (La Gola). Dabei sah ich jedes Mal wieder die mir noch unbekannte Wand, welche ich mittlerweile als gelbe Wand mit großem Dach benannte und nun eingehender betrachtete. Immer wieder sprachen meine Freunde und ich über die Möglichkeiten an dieser eine Neutour zu wagen. Zu jenem Zeitpunk war uns noch keine Kletterlinie durch die Wand bekannt. Das große Dach jedoch bereitete uns Kopfzerbrechen und für uns war es klar, dass eine Begehung ohne Bohrhaken sehr schwierig, wenn nicht schier unmöglich, sein würde.
Am 13.05.2015 starteten Andrea Oberbacher und ich schließlich einen Versuch, das Projekt zu realisieren. Am Einstieg angekommen, legten wir die schweren, mit Klettermaterial vollgepackten Rucksäcke ab um beim Blick nach oben in die Wand, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Beeindruckt von der Steilheit und der Höhe starteten wir nach oben. Gemeinsam wogen wir die Möglichkeiten ab, bis zum großen Dach klettern zu können. Für uns beide war klar, dass wir die große Verschneidung erreichen mussten, welche den unteren Wandteil beherrscht.
Sobald das Klettermaterial den Platz am Gurt gefunden hatte ging es los. Von links nach rechts kletterten wir die ersten 3 Seillängen einen Bogen bis wir schließlich am Anfang der gelben Verschneidung ankamen und einen angenehmen Standplatz bauen konnten. An jenem Tag gelang es uns noch zwei Drittel der Verschneidung zu klettern. Nach den ungefähr 20 Metern Kletterei, gingen schließlich der Tag ebenso wie auch unsere Kräfte zu Ende.
Aufgrund eine Expedition nach Alaska und der Bergführerarbeit kamen wir erst knapp ein Jahr später, am 12.04.2016, zurück zu unserer noch ausständigen Erstbegehung. Wieder kletterten wir die bereits bestiegenen Seillängen nach oben bis wir den Umkehrpunkt des Vorjahres erreichten. In teils freier als auch technischer Kletterei konnten wir die Seillänge um 10 Meter verlängern und einen geeigneten Stand einrichten. Die nächsten zwei Seillängen legten wir um einiges schneller zurück und fanden uns schließlich unter dem großen Dach wieder. Mit großen Augen begutachteten wir das fast schon waagrechte, ausladende Dach. Uns wurde sofort klar, dass es nur eine mögliche Lösung zur Begehung dieses gab. Zwar ragte das Dach an der ins Auge gefassten Stelle nahezu am weitesten nach Außen, aber wir witterten eine Chance durch diese klettern zu können. Einen Versuch lies die voranschreitende Zeit jedoch nicht mehr zu und so mussten wir, gespannt auf die nächste Begegnung mit dem Dach, abseilen. War es möglich das sechs Meter hinausragende Dach erstzubegehen?
Einige Tage später brachen wir wieder in das schöne Edelweißtal auf. Um Zeit und Energie zu sparen, querten wir dieses Mal ein kleines Band und gelangten so direkt zu unserem letzten Umkehrpunkt. Es war kaum zu glauben – immer wieder zierten feine Risse das unglaubliche Gewölbe, wo unsere Felshaken Platz fanden. In technischer Kletterei ging es nun Richtung Dachkante. Das freie Baumeln der Füße in der Luft erinnerte uns immer wieder daran, wie steil es dort war. Fünf Meter oberhalb der Kante fanden wir den idealen Platz für den nächsten Stand.
FullSizeRenderNach Begehung des Daches und somit dem Meistern unserer größten Ungewissheit, gingen wir höchst motiviert die kommende Seillänge an. Unser Selbstvertrauen war dermaßen gestärkt, dass wir zur Überzeugung kamen, nichts könne uns mehr aufhalten. Nur war die Realität eine andere. Nach guten sechs Metern war Schluss mit dem Vorankommen. Langsam wurde uns auch bewusst, dass erst die nächste Seillänge den Schüssel zum Erfolg bilden würde und somit noch harte Arbeit auf uns wartete. An diesem schönen Sommertag kamen wir nur noch drei Meter in unserer Route weiter.
Am darauffolgenden Tag wollten wir den Gipfel erreichen. Langsam, sehr langsam klettern wir weiter. Der Fels war zwar sehr kompakt aber leider auch geschlossen, sodass es sehr schwierig war Haken zu schlagen. Es war nicht einfach den leichtesten Weg zu erkennen und so blieb es aufregend. Ob wir wohl den richtigen „Riecher“ für das Vorankommen hatten? Auch ohne Absprache war für Andrea und mich klar, dass der Gipfel nicht mehr am selben Tag erreicht werden konnte und wir stattdessen nur diese Länge zu Ende zu bringen würden. Nach sieben Stunden dann die erlösenden Worte: „Andrea, i hon Stond“.
Nach einigen Tage der Erholung kehrten wir am 11.06. zurück. Der Wetterbericht war zwar nicht vielversprechend, aber wir konnten es nicht mehr erwarten auch die letzten Meter zu klettern. Ein Riss gab uns den weiteren Weg vor. Die ersten 10 Meter waren noch recht anspruchsvoll bis wir dann endlich im leichten Gelände ankamen. Die Verhältnisse blieben bis zum Gipfel dieselben. Mittlerweile hat es bereits zu regnen begonnen, aber der Niederschlag machte uns nichts mehr aus und konnte schließlich auch unserer Freude an der geschafften Erstbegehung nichts anhaben. Nach zwei weiteren Tagen in der Wand, an welchen wir die Kletterzüge aneinander reihten, stiegen Andrea und ich am 21.05. noch ein weiteres Mal in die Tour ein um diese „Rotpunkt“ zu klettern. Es war ein perfekter Tag. Seillänge um Seillänge kletterten wir nach oben. Es war einfach nur ein großes Geschenk, so eine unglaubliche Linie zu klettern. Ein kräftiger Händedruck am Gipfel beendete ein schönes, unvergessliches Abenteuer – die Route „Oblivion“.

Routeninformationen

Route: „Oblivion“
Erstbegeher: Simon Gietl und Andrea Oberbacher
Erstbegehung: Mai 2017
Erste Rotpunktbegehung: Simon Gietl mit Andrea Oberbacher am 21.05.2017
Schwierigkeit: 9
Charakter: Geil-steiles Gelände mit gut bis ausgezeichnetem Fels
Material: 1 Serie Friends bis 2, alle geschlagenen Stände und Zwischenhaken wurden belassen
Zustieg: vom Parkplatz (Lift) zur Edelweißhütte (20min) von dort in 30min zum Einstieg (gut sichtbar)
Abstieg: vom Gipfel in einer rechts Schlaufe zurück zum Wanderweg der direkt zur Edelweißhütte führt (einfach zu finden)

Das Topo zum downloaden gibt’s hier

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