Das Privileg

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Simon Niederbacher und ich eröffneten im Juli 2011 eine neu Tour in der Sella-Gruppe in der Piz Ciavazes-Ostwand.

 

Das Projekt – Piz Ciavazes

Piz Ciavazes ist eines der bekanntesten Klettergebiete in der Sella-Gruppe, nicht nur der kurze Zustieg sondern auch der gute Fels und das Panorama zieht viele Kletterer aller Länder an. Es gibt Extremklassiker wie Micheluzzi, Schubert und Abramkante. Auch in den letzten Jahren wurden immer noch Neutouren erstbegangen. Somit ist das Potential, eine freie Linie dort zu finden, kaum mehr realistisch, denn in diesem begehrten Gebiet gibt es nur noch eine kleine Anzahl an Routen die traditionell abgesichert sind; umso mehr jedoch gibt es Touren – besonders neueren Datums – die teilweise wie im Klettergarten mit Bohrhaken abgesichert wurden. Für mich war es somit ein Geschenk, als ich rechts der Abramkante eine Linie bemerkte, an der bis dato noch niemand Hand angelegt hatte. Es war kurz gesagt mein Privileg und nach nur drei Tagen Arbeit entstand „Das Privileg 9-„, eine Neu-Tour, die wieder ein bisschen traditionelles Klettern in diesem Gebiet anbieten kann.

 

Die Erstbegehung

Das Privileg010Es war Anfang Juli als Simon Niederbacher und ich Richtung Abramkante aufstiegen. Unser Plan war es, an der Kante einen direkt Einstieg zu versuchen und nach ca. 100 Meter das Dach zu dursteigen, welches man bei der klassischen Führe (Abramkante) links umgeht. Als ich das erste Mal die Ostwand sah, konnte ich nicht genug von ihr bekommen und stieg den Gegenhang hinauf mit der Absicht, einen noch besseren Blick darauf zu bekommen:
Eine gelb überhängende Wand mit einer offensichtlichen Linie stand in voller Pracht vor mir. Da konnte ich nicht mehr widerstehen und sprach mit Simon über Plan B: wie wäre es, wenn wir dort eine Erstbegehung versuchen? Auch Simon gefiel mein neuer Plan und so redete keiner mehr über den direkt Einstieg zur Abramkante.

Nach kurzer Zeit waren wir uns einig, wo der Einstieg sein sollte. Ich konnte es kaum erwarten endlich los zu legen. Die ersten 30 Meter waren schnell geklettert bis ich zu einem kleinen Überhang kam: Der Fels ist dort etwas brüchig, ich schlug dort 2 Haken und kletterte nochmals 30 Meter weiter bis ich einen guten Standplatz bauen konnte. Simon stieg ohne Probleme nach und wir waren einer Meinung: ca. 6. Grad. Die zweite Seillänge hingegen war schon mit mehr Mühe verbunden, da sie von Anfang an steil weiterverlief. Auf einer großen Schuppe richtete ich dann den zweiten Stand ein. Der Weg ging zwar immer noch überhängend weiter aber man erkannte einen schönen, gut kletterbaren Riss der uns den weiteren Weg vorgab. Uns wurde gleich bewusst, dass diese Seillänge mit ihren 45 Metern die schwerste werden wird. Aber das sollte sich noch bei der Rotpunktbegehung heraus stellen. Den dritten Stand konnte ich mit zwei Haken gut absichern und sicherte Simon nach. Ab diesem Zeitpunkt neigt sich die Wand und damit verbunden auch ihre Schwierigkeiten. Im 5.-6. Grad kletterten wir dann noch sechs schöne Seillängen bis zum Gampsband wo wir unsere Neutour mit einem kräftigen Händedruck begrüßten.

 

Die Rotpunktbegehung

Am 16. August standen wir wieder beim Einstieg, aber diesmal mit einem anderen Ziel: Die Erstbegehung ist uns bereits gelungen doch die Rotpunktbegehung ließ noch auf sich warten!
Die ersten 60 Meter, welche kein großes Problem bei der Rotpunktbegehung darstellten, haben wir On-Sight eröffnet. Doch die zweite Seillänge hatte es in sich: schon die letzten Tage habe ich immer wieder an sie denken müssen. Allen Gedanken zu Trotz stieg ich ein und versuchte alle Stellen so sicher wie möglich hin zu bekommen. Mit der richtigen Lösung im Gepäck seilte ich zu Simon ab und zog das Seil aus. Kurze Pause: ein paar Schluck trinken, einen Bissen von meinen Wurstbrot und dann sofort weiter; ich seilte mich wieder an und stieg vorsichtig Meter um Meter höher…doch ich musste aufpassen, denn die Griffe durften nicht voll belastet werden, da mir bereits einige schon beim Ausbouldern gebrochen sind. Mit einem komischen Gefühl im Bauch und wackligen Knien erreichte ich den Stand … „Juhhhuuu!“, schrie ich zu Simon hinunter und da er mich die letzten 10 Meter nicht sehen konnte, war im gleich Klar, dass die Seillänge abgehakt ist.
Nach einer guten halben Stunde hing ich in der 3. Seillänge und versuchte die Griffkombination zuzuordnen: Die ersten Meter konnte ich nämlich bei der Erstbegehung nicht ganz frei klettern, der Rest ging gleich auf Sicht. So verschwendete ich nicht lange Zeit und schaute mir nur kurz diese Meter gut an. Seil abziehen und los geht’s , mit vollem Körpereinsatz quälte ich mich den Riss hoch und war überglücklich an meinen 2. Standhaken angekommen zu sein. Simon und mir stand die Freunde ins Gesicht geschrieben, wir waren überglücklich und konnten es kaum fassen das Privileg erhalten zu haben, eine neue Klettertour an dieser Wand zu hinterlassen!

Diese Tour widme ich einem ganz besonderen Menschen mit einzigartiger Größe: Simon Kraler, es war für mich mein Privileg dich kennengelernt zu haben!

 

Routeninformationen

Route: „Das Privileg“
Erstbegeher: Simon Niederbacher und Simon Gietl, Juli 2011
Schwierigkeit: 9-

 

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